Das ehemalige Stift Steterburg
Als zu Michaelis, den 29. September 1691, dem Tag der Engel, im Beisein der herzoglichen Familie der feierliche Gründungsakt des adeligen "Frey-Welt-Stifts" Steterburg begangen wurde, geschah dies auch in Würdigung eines Ortes, auf dem seit Hunderten von Jahren schon ein Jungfrauenstift gestanden hatte.
Es war um das Jahr 1000 von Gräfin Frederunda von Oelsburg und ihrer Mutter Hathewig als Besitzerinnen der verfallenen "Stederburg" auf dem Gelände des Vorhofs ihrer Burg erbaut worden. Gräfin Frederunda unterstellte den Konvent den Bischöfen von Hildesheim und trat selbst als erste Äbtissin in das Stift ein.
Das Schicksal des Stifts Steterburg gestaltete sich in der Folgezeit wechselhaft. Ländlich abgeschieden, jedoch im Fadenkreuz zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel liegend, wurde es häufig in die sich hinziehenden Kämpfe zwischen den Braunschweiger Herzögen und der Stadt Braunschweig verwickelt. 1542 fiel es den Verwüstungen der Schmalkaldischen Kriege, während derer Herzog Heinrich auf katholischer, die Stadt Braunschweig aber auf evangelischer Seite stand, zum Opfer. 1568 von Herzog Julius in ein evangelisches Jungfrauenstift umgewandelt, wurde es während des 30-jährigen Krieges 1627 in Schutt und Asche gelegt und 1691 als "Frey-Welt-Stift" neu gegründet, das bis zu seiner Auflösung 1938 ausschließlich adelige Damen aufnahm.
Stift oder Kloster
Die Insassinnen des von Gräfin Frederunda gegründeten Stifts lebten nicht in Klausur und gehörten auch keinem geistlichen Orden an. Privateigentum war erlaubt, die Damen besaßen eigene Wohnungen, Dienerschaft wurde gehalten, lange Ferien waren üblich und die "Rückkehr in die Welt", also Heirat, freigestellt. Außerhalb des Stifts kleideten sich die Damen weltlich und trugen ihr Haar offen und gelockt, "zum Zeichen ihrer Freiheit."
Dies änderte sich im 12. Jahrhundert, als das Stift zu einem Augustiner-
Chorfrauenstift reformiert wurde. Ab diesem Zeitpunkt gestaltete sich das Leben der Konventualinnen nach den Regeln des Augustinerordens klösterlich streng. Der Privatbesitz wurde abgeschafft, die Klausur eingeführt, die eigenen Wohnungen wichen einem gemeinsamen Schlaf- und Speisesaal und der Äbtissin wurde ein Propst als Leiter vorgesetzt. Der bedeutendste Propst Steterburgs im Mittelalter war der am 13. Januar 1164 investierte Gerhard II., der Verfasser der "Annales Stederburgenses", einer Chronik des Stifts und eines der seltenen Beispiele literarischen Schrifttums aus mittelalterlicher Zeit. Gerhard II., in späteren Jahren Diplomat am Hof Heinrichs des Löwen, gelang es, die politisch maßgeblichen Kreise des Herzogtums an Steterburg zu binden und im 12. Jahrhundert finden sich unter den aufgenommenen Konventualinnen vorherrschend Töchter eben dieser Familien.
Während des 14. und 15. Jahrhunderts setzte sich der Konvent aus adeligen und mehrheitlich bürgerlichen Jungfrauen zusammen, von denen viele aus der Stadt Braunschweig stammten. Domina des Stifts Steterburg war seit etwa 1515 Herzogin Elisabeth, Schwester des Landesfürsten Heinrich des Jüngeren. Propst des Stifts wurde 1519 Nikolaus Decius.
Die Auflösung des Stifts
Vor 1800 war der Stiftsadel hoch angesehen. Während des 19. Jahrhunderts verminderte sich seine Bedeutung, wie die des Adels als staatstragender Schicht überhaupt. Von der "blaublütigen" Ahnenprobe als Voraussetzung für die Aufnahme ins Stift wurde regelmäßig dispensiert und später sogar ganz abgesehen. Auch schwand nach der Trennung zwischen Kirche und Staat langsam die Widmung des Stifts als geistliche Einrichtung.
Nach dem 1. Weltkrieg bestand das Stift Steterburg nur noch als reine Versorgungsanstalt unverheirateter, bedürftiger und erwerbsloser Frauen aus dem Land- und Beamtenadel. 1938 wurde es durch Vertrag zwischen dem Braunschweigischen Staat und dem Kloster- und Studienfonds einerseits und der Ritterschaft andererseits aufgelöst. Sämtliche Wohnrechte der Stiftsdamen wurden durch die Zahlung von 450.000 RM abgelöst. In die Gebäude zog die Verwaltung der Wohnungs-AG der Reichswerke "Hermann Göring", die in Salzgitter durch die Gewinnung kriegswichtiger Materialien Deutschland von ausländischen Stahlimporten unabhängig machen sollten. Zu diesem Zweck wurden Arbeiter aus dem Osten Deutschlands angesiedelt, durch deren Zuzug die Gemeinde Steterburg entstand.
Das Stiftskapitel zog nach Blankenburg um, wo die Ritterschaft zwei Häuser gekauft hatte. Diese Einrichtung nannte sich von da an "Stift Steterburg in Blankenburg".
Nach dem 2. Weltkrieg in der sowjetischen Zone gelegen, wurden beide Häuser 1947 enteignet. Nach der Wiedervereinigung mit der DDR finanziell entschädigt, existiert heute das "Stift Steterburg" als gemeinnützige Einrichtung der Ritterschaft des Ehemaligen Landes Braunschweig als Körperschaft des öffentlichen Rechts.
1955 wurde das an den Turm angebaute Wohnhaus Stift 2 von der Salzgitter AG, in die die Reichswerke umgewandelt worden waren, an die Landeskirche übergeben. Die Stiftskirche dient als Pfarrkirche der evangelischen Gemeinde Steterburg, das Haus Stift 2 wurde 1977 zum Pfarrhaus umgebaut.
Die übrigen Gebäude des ehemaligen Stifts Steterburg werden heute von der Salzgitter Wohnbau GmbH verwaltet. Die Wohnungen sind privat vermietet.
Margot Ruhlender


